Die spezielle Griff- und Drucktechnik der manuellen Lymphdrainage ist seit knapp 80 Jahren wichtiger ergänzender Bestandteil einer Vielzahl von Therapieansätzen. Sie kann immer dann helfen, wenn sich Lymphflüssigkeit in einem Gewebe staut und so zu Schwellungen der betroffenen Körperpartien führt. Stauungen treten häufig nach einem operativen Eingriff, Bestrahlung oder aber auch verletzungsbedingt bei einer Störung der Lymphbahnen auf. Mit der manuellen Lymphdrainage (ML) kann durch sanfte Berührungen direkten Einfluss auf das Lymphgefäßsystem genommen werden. Manuelle Lymphdrainage wird in der Regel durch einen Physiotherapeuten oder Masseur mit besonderer Weiterbildung dazu vorgenommen.

Als Begründer der manuellen Lymphtherapie gilt Dr. Emil Vodder. Vodder, der sein Medizinstudium nach einer Malaria-Erkrankung leider beenden musste, lehnte seine Studien an Erkenntnisse an, die bereits im 16 Jahrhundert erstmals zu Papier gebracht wurden. Weitgehend ignoriert und als kontrovers verschrien konnte Vodders revolutionäre Technik erst Mitte der 70er Jahre Fuß fassen. Seitdem findet sie weltweit großen Zulauf und begeisterte Anwendung. Die Techniken der manuellen Lymphdrainage werden heute in speziellen Instituten unterrichtet.

Emil Vodder wurde am 20. Februar 1896 in Kopenhagen geboren. Dort studierte er zunächst Zeichnen und Kunstgeschichte sowie vergleichende Sprachstudien mit 10 Sprachen. Seine Hobbies, Gesang und Cello, studierte er in den folgenden Jahren, in denen er auch 6 Jahre lang am königlichen Seekarten-Archiv in Kopenhagen tätig war. Später begann er ein Studium der Medizin, Zytologie und Mikroskopie, in dem er auch interdisziplinäre Kurse für Biologie, Mineralogie und Botanik belegte. Von der Universität Brüssel erhielt er 1928 den Doktor der Philosophie für eine kunstgeschichtliche Dissertation. Sei Medizinstudium durfte Vodder allerdings nicht beenden – er erkrankte in seinem 8. Studiensemester schwer an Malaria und wurde danach nicht wieder zum Staatsexamen zugelassen. 1929 siedelte er mit seiner Frau Estrid, die ihres Zeichens selbst 1923 Heilpraktikerin in Berlin wurde, an die französische Riviera über. In Cannes eröffnete er daraufhin sein eigenes Institut für physikalische Therapie, in dem er als Physiotherapeut mit Patienten zusammen arbeitete.

Vodder interessierte sich früh insbesondere für das Lymphsystem und beschäftigte sich darum mit einschlägigen Schriften. Unter anderen waren ihm so die Schriften von Aselli, Pecquet, Rudbeck und Bartholin geläufig. Diese Wissenschaftler und Mediziner aus dem 16ten und 17ten Jahrhundert hatten sich ihrerseits mit dem mysteriösen Lebensmilieu „klares Wassers“ (auch „Weißes Blut“) befasst, obwohl erst im 18 Jahrhundert erkannt wurde, dass Lymphgefäße im gesamten menschlichen Körper vorhanden sind und dass ihre Aufgabe in der Absorption von Gewebsflüssigkeiten besteht. Weiterhin studierte Vodder Arbeiten von Bernard, Varrell und Drinker und vertrat bald die Annahme, dass Lymphe allgegenwärtig als Lebensmilieu von Körperzellen gelten müsse, und dass sie deshalb von größerer Bedeutung und Einfluss sein müsse, als bis dato angenommen.

Behauptungen dieser Art wurden zu Vodders Lebenszeiten als abenteuerlich angesehen. Zum einen war die allgemeine Wechselwirkung zwischen Körperteilen und Gewebsflüssigkeiten noch nicht in Ihrem gesamten Umfang bekannt, zum anderen wurde gerade die äußere, manuelle Einflussnahme auf innenliegende Körperpartien nicht als Möglichkeit angesehen, Veränderungen im Lymphsystem anzustoßen. Im Gegenteil: in der medizinischen Gemeinschaft galt die Berührung und Behandlung geschwollener Lymphknoten mit Massagetechniken als Tabu! Auf keinen Fall könne es dadurch zu einer Besserung, allenfalls zur Verschlechterung der Schwellungssymptome kommen! So wurde Vodders Pioniertat für lange Zeit als Leichtsinn angesehen.

Dies hinderte Vodder nicht im Geringsten an seiner Arbeit. In seinem Alltag mit Patienten erarbeitete er ab 1929 kontinuierlich Hypothesen und sammelte ausgiebige praktische Erfahrungen. Bei Patienten, die unter unreiner Haut, Migräne oder gar Sinusitis litten, therapierte er mit der Palpation geschwollener Lymphknoten im Hals. Er vermutete schon damals, dass die Stauungen in den angeschwollenen Gefäßen die eigentliche Ursache für das Leiden seiner Patienten waren, da sie ihrer eigentliche Aufgabe, namentlich der Reinigung der umliegenden Gefäße, nicht mehr ausreichend nachkommen konnten. Mit der passenden Massageart, überlegte Vodder, sollten sich diese Stauungen lösen lassen, überflüssige Flüssigkeiten förmlich aus dem Gewebe gerieben werden. Dieses Ziel erreichte er durch die Anwendung kreisender Drückbewegungen und dem leichten Verziehen der Haut im Bereich der erkrankten Stelle.

1933 zogen die Vodders nach Paris. In der Pariser Nationalbibliothek fand Vodder in einem Atlas Kupferstiche, die im 19 Jahrhundert von dem französischen Anatomen Sappey angefertigt worden waren. Sie stellten das Lymphsystem in einer Weise dar, die noch bis heute Gültigkeit hat. Systematisch erarbeiteten Emil und Estrid Vodder die Feinheiten Ihrer Massagetechniken nach diesen Vorlagen aus. Die völlig neue Grifftechnik, die augenscheinlich für die Lymphtherapie notwendig war, setzte vorrangig pumpenden Kreisbewegungen und nur sehr leichten Druck ein. um unter allen Umständen Besonderen Fokus legten sie dabei auf die Vermeidung von Hyperämie (übermäßige Durchblutung) der behandelten Bereiche.

1936 präsentierten sie ihre Arbeit in einer Vorlesung mit dem Titel „DIE MANUELLE LYMPHDRAINAGE NACH DR.VODDER“ auf einem Pariser Kongress. Nach Ende des zweiten Weltkriegs eröffneten sie eine Klinik für manuelle Lymphdrainage in Kopenhagen, wohin das Ehepaar nach Ausbruch des Kriegs zurückgekehrt war. Doch dauerte es noch bis in die 1950er Jahre, bis die Vodders begannen, Ihre Methode in ganz Europa zu lehren und mehr Aufmerksamkeit für Ihre Arbeit zu erhalten. Sie reisten in ihren Arbeiten bald um die ganze Welt.

1967 wurde von Dr. Emil Vodder, Dr. Johannes Asdonk und Günther Wittlinger die „Gesellschaft für Manuelle Lymphdrainage nach Dr. Vodder“ eröffnet. 1971 gründeten Günther und Hildegard Wittlinger, die beide begeisterte Anhänger von Vodders Methode und Teilnehmer umfangreicher persönlicher Schulungen durch Vodder waren, die „Dr. Vodder Schule“ in Walchsee, Tirol. Dort werden bis heute medizinische Masseure und Heilmasseure für die manuelle Lymphdrainage ausgebildet.

Emil Vodder verstarb 1986 im Alter von 89 Jahren. Seine Frau Estrid folgte ihm 10 Jahre später im Alter von 99 Jahren. Ihre Methode ist und bleibt seit knapp 80 Jahren unsterblich und findet weltweit Anwendung und Zuspruch. Unzähligen Patienten weltweit dürfen sie als Baustein verschiedenster Therapien kennenlernen und durch sie Hilfe bei der Regeneration des Körpers erhalten.

Auch das ZiFF bleibt nicht unberührt von diesem hochspannenden Thema. Für weitere Informationen besuchen Sie unsere Kursseite „Manuelle Lymphdrainage in der Ergotherapie“ oder sprechen Sie uns an!

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