Ab 1943 erfand Berta Bobath (1907-1991, Physiotherapeutin) in Zusammenarbeit mit ihrem Mann Karl (1906-1991), einem Neurologen, das Behandlungskonzept nach Bobath. Dieser rehabilitative Behandlungsansatz wird heute in der Therapie und Pflege von Menschen mit Schädigungen von Gehirn oder Rückenmark verwendet. Das Konzept beruht auf der Annahme, dass das Gehirn lebenslang fähig zu „Umorganisierung“ und damit plastisch ist. Das bedeutet, dass gesunde Hirnregionen die Fähigkeit besitzen sollen, durch die Aktivierung vorhandener Synapsen oder die Bildung neuer synaptischer Verbindungen zwischen den Nervenzellen die Aufgaben erkrankter oder verletzter Regionen zu übernehmen. Denn häufig werden bei Verletzungen des Hirns nicht ganze Hirnregionen verletzt, sondern lediglich neuronale Verbindungen zwischen einzelnen Bereichen gekappt. Diese Verbindungwege können durch konsequente Stimulation und Förderung von Seiten der betreuenden Personen im Patienten neu gebahnt werden und die Zuständigkeit für bestimmte Bewegungsabläufe auf andere Neuronengruppen übertragen werden. Besonders bei Schlaganfallpatienten oder Hemiplegikern (halbseitig gelähmte Menschen) können so Erfolge in der Reha erzielt werden.

Gerade Menschen, die unter einseitigen Störungen leiden, neigen häufig dazu, bei Bewegungen die Benutzung der geschädigten Körperhälfte zu vermeiden. Sie kompensieren so die Lähmung der mehr betroffenen Seite durch die Nutzung der beweglichen (weniger betroffenen) Seite. Diese Vernachlässigung der betroffenen Seite verkümmert so nach und nach, da ihr keine neuen Stimulanzien gesendet werden und das Gehirn nie dazu angespornt wird, eine Umstrukturierung in der Signalübermittlung anzubahnen. Ein solches Neglect-Syndrom (chronische Vernachlässigung einer Körperseite) fördert stattdessen durch häufige asymmetrische Bewegung die Gefahr der Entwicklung schmerzhafter Spastiken.

Das Bobath-Konzept wird weltweit und interdisziplinär in der Behandlung von Patienten mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems angewandt. Das sind Menschen, die unter Lähmungserscheinungen, Bewegungsstörungen oder Spastiken leiden, aber auch jene, bei denen eine teilweise oder vollständige Lähmung vorliegt, die einen pathologisch niedrigen oder erhöhten Muskeltonus aufweisen, die unter Gleichgewichts- oder Haltungsstörungen oder bei denen Störungen in der propriozeptiven Wahrnehmung (Körperselbstwahrnehmung) vorliegen. In Zusammenarbeit mit dem Patienten soll die Kontrolle über den eigenen Körper neu erlernt werden. So sollen die physiologische Muskelspannung und reguläre Bewegungsfunktionen wieder für die regelmäßige Benutzung trainiert werden. Der inhaltliche Aufbau des Lernangebots im Bobath-Konzept wird kooperativ und potenzialorientiert zwischen Pfleger und Patienten erarbeitet. Nach dem pflegerischen Befund des Behandelnden werden die aktuellen Probleme, Ressourcen und Pflegeziele dem Patienten wiederholt und gezielt aufgebracht und bewertet. Hauptlernangebote der Therapie sind das Handling (Bewegungsanbahnung), die Lagerung (zur Vermeidung oder Hemmung von Verkrampfungen) und das Selbsthilfetraining (zur Vorbereitung der Selbstpflegefähigkeit und letztendlichen weitgehenden Eigenständigkeit in den Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL)). Übungen dazu werden hier individuell auf die Erkrankungssituation des Patienten zugeschnitten. Zu einem frühen Behandlungsbeginn wird geraten, damit die Erlernung unphysiologischer Bewegungsabläufe und die Bildung von Folgesymptomen dieser vermieden werden kann.

Am häufigsten findet das Bobath-Konzept Anwendung in der Behandlung von Patienten mit apoplektischem Insult, also einem Schlaganfall (Hirninfarkt) mit einhergehender Hemiplegie (Halbseitenlähmung). Weiterhin richtet sich die Pflegetherapie nach Bobath an Menschen, die an Schädel-Hirn-Traumen (SHT), Multipler Sklerose (ED, Enzephalomyelitis disseminata), Enzephalitits, Morbus Parkinson, dem apallischen Durchgangssyndrom oder entzündlichen Erkrankungen des Zentralnervensystems (ZNS) leiden oder die Hirnblutungen (Intracranielle Blutungen (ICB) und Subarachnoidalblutungen (SAB)), Beschwerden nach neurochirurgischen Operationen erleben oder weitere Erkrankungen des ZNS vorweisen, die mit einhergehenden Lähmungen oder Verkrampfungen zusammenhängen. Diese Patienten werden in allen Bereichen der Pflege nach Bobath behandelt. So findet das Konzept in der Versorgung auf der Intensivstation und der Akutpflege, in der Pflege in der Rehabilitation, der häuslichen Pflege und der Alten- und Langzeitpflege vielseitige Anwendung.

Die Ziele einer Behandlung nach Bobath sind dabei so individuell wie die Behandelten und müssen in jedem Fall an der Art der Erkrankung und Ausgangssituation des Patienten orientiert werden. Dazu gehören unter anderem die Vorbeugung oder Verminderung von Spastiken, die Widerherstellung eines adäquaten Muskeltonus, die Vermeidung falscher und kompensatorischer Bewegungsabläufe, die Anbahnung normaler, beidseitiger Bewegungen und Motorik im Gesichtsbereich, die Normalisierung des propriozeptiven Sinnes sowie die Schaffung von Möglichkeiten für die Selbstständigkeit in den Aktivitäten des täglichen Lebens. Die aktive und intensive Mitarbeit des Patienten wird dabei vorausgesetzt. Die Pflegearbeit nach Prinzipien des Bobath-Konzepts wird ständiger Bestandteil des gesamten Tages- und Therapieablaufes des Patienten. So wird auch berufsübergreifend gearbeitet: Ärzte, Pflegetherapeuten, Krankengymnasten, Ergotherapeuten, Sprachtherapeuten, weitere Therapeuten sowie Angehörige des Patienten werden dazu angehalten, nach den Bobathschen Prinzipien zu arbeiten. Und das bringt sogar Vorteile für alle Beteiligten: denn Handling und Mobilisation nach Bobath sind für das Pflegepersonal besonders ökonomisch und sogar rückenschonend, da sie sich ausschließlich an physiologischen Bewegungsabläufen des Menschen orientieren. Außerdem wird ausnahmslos mit Zug- und Hebelkräften gearbeitet.

Natürlich kann ein vollständiger Rehabilitationserfolg bei der Behandlung nach Bobath nicht in allen Fällen garantiert werden, da dieser von einer Reihe verschiedener Faktoren abhängt. Die Behandlung nach Bobath kann eine Hirnschädigung nicht ungeschehen machen. Sie kann aber die natürliche Lernfähigkeit des Hirns und seine Fähigkeit zur Umorganisation stimulieren und beeinflussen. Leider stehen die Chancen auf eine weitgehende Genesung gerade bei mehrfachen oder diffusen Hirnschädigungen, wie sie beispielsweise durch einen generellen Sauerstoffmangel nach Reanimation (hypoxämischer Hirnschaden) vorliegen können, schwierig zu bewerten, da die Beeinträchtigung des Hirns hier nicht nur herdförmig sondern global auftritt. Auch neuropsychologische Störungen können sich negativ auf den Rehabilitationsprozess auswirken.

Zuletzt ist die Motivation des Patienten zur aktiven Mitarbeit von entscheidender Bedeutung. Ein Lernerfolg kann nur dann erzielt werden, wenn diese durch erkennbare Erfolge und Fortschritt, wiederholte und offene Information des Patienten durch den Behandelnden und die frühe Einbeziehung und Unterstützung von Angehörigen aufrechterhalten wird. Darüber hinaus ist die Motivation des Patienten auch von der Persönlichkeit vor der Erkrankung, seiner individuellen Krankheitsverarbeitung und der Art der Hirnschädigung abhängig. Unter günstigen Voraussetzungen ist eine nahezu vollständige Wiederherstellung der Mobilität und Eigenständigkeit des Patienten möglich. Durch das durchgehende Therapiekonzept der Pflege werden nach dem Konzept der Bobaths immer häufiger solch hervorragende Rehabilitationserfolge erzielt.

Für die Entwicklung des Bobath-Konzepts ist, wie so häufig, mehr oder weniger dem Zufall zu danken. Berta Bobath, die vor ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin als Gymnastiklehrerin arbeitet, bemerkte bei der Behandlung von Patienten mit Spastiken, dass Verkrampfungen bei bestimmten Bewegungen, Lagerungen oder Stellungen nachließen oder sogar verschwanden. So erkannte sie, dass diese Erkrankungen nicht wie vormals angenommen konstant und endgültig sind, sondern durch Bewegungen des Körpers und gezieltes Training beeinflusst, flexibilisiert und verändert werden können. Systematisch beobachtete sie danach eine Vielzahl von Patienten und erprobte sich in der Anwendung neuer Behandlungstechniken. So entwickelte sie auf empirischer Basis die Grundlagen für ihr letztendliches Behandlungskonzept. Auch bei ihrem Mann, dem Neurologen Karl Bobath, wuchs mit der Zeit das Interesse an den Arbeiten seiner Frau. So begann er, einen neurophysiologischen Unterbau für das Konzept zu erarbeiten. Das Konzept wurde zunächst für die Arbeit mit Kindern mit Zerebralparese eingesetzt. In den 60er Jahren fand eine Ausdehnung auf die Therapie und Pflege von Erwachsenen statt. Ausdrücklich bezeichnete das Ehepaar die daraus entstandene Arbeitsweise als „Konzept“, nicht als „Methode“, da in diesem keine konkreten Techniken der Pflege vorgeschrieben werden, sondern es vielmehr den Prozess der Berücksichtigung und Evaluierung der individuellen Fähigkeiten und Grenzen des Patienten und ihren Einbezug in die Pflege beschreibt. Das ganzheitliche Pflege- und Behandlungskonzept für Hemiplegiker und Menschen mit Hirnschädigungen findet heute weltweit Anerkennung und Nutzung.

Auch das ZiFF bleibt nicht unberührt von diesem hochspannenden Thema. Für weitere Informationen besuchen Sie unsere Themenseite „Bobath“ oder sprechen Sie uns an!

Bobath

Das Bobath-Konzept basiert auf neurophysiologischen und entwicklungsneurologischen Grundlagen und wurde ab 1943 von der Physiotherapeutin Berta Bobath und ihrem Ehemann, dem Neurologen und Kinderarzt Dr. med. Karel Bobath, entwickelt. Das […]
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